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Doch das mache ich!

In der Juli/August-Ausgabe des Magazins «THE RED BULLETIN» ist ein Interview mit Anna Bader, der siebenfachen Europameisterin im Klippenspringen zu finden. Die deutsche Ausnahmeathletin war in ihrer Jugend Kunstturnerin und hat 2013 den ersten Red Bull Cliff Diving-Event für Frauen gewonnen. Anna Bader springt von 22 Meter hohen Plattformen ins Meer und bezeichnet sich selber als Angsthäsin. Wie relativ doch alles ist…. Dieses Interview beinhaltet aus «mentaltraining-technischer» Sicht ein paar spannende Passagen, weshalb ich mich entschieden habe, dieses Interview hier wiederzugeben. Die aus mentaler Sicht spannendsten Passagen sind in kursiver Schrift geschrieben.

 

Was ist der Unterschied zwischen «Mut» und «keine Angst»?

Mut ist Selbstvertrauen, keine Angst zu haben geht hingegen schnell Richtung Leichtsinn, wenn man Risiken verleugnet. Aus über 20 Metern zu springen geht gegen die menschliche Natur. Wer es einmal probiert hat, weiss, was passieren kann, wie hart das Wasser wird, wenn du mit 80 km/h eintauchst. Stark zu sein heisst nicht, furchtlos zu sein. Stärke ist, seine Ängste genau zu kennen und sie zu überwinden.

 

 

Wie gelingt das?

Durch ganz viel mentales Training. Und durch körperliche Fitness sowie dem daraus resultierenden Selbstvertrauen.

 

 

Ich habe mir ein Zitat von Oscar Wilde herausgeschrieben: «Vorsicht ist, was wir bei anderen Feigheit nennen.» Einverstanden?

Interessant. Ich persönlich bezeichne mit als Angsthäsin unter den Cliffdivern. Ich muss alles genau abchecken, bevor ich springe, und hundert Prozent sicher sein, dass ich bereit bin.

 

 

Routine als Gegenpart zur Angst: perfekte Vorbereitung, perfektes Mindset, perfekte Bedingungen?

Routine kehrt da nie ein, egal wie perfekt du drauf bist. Weil du dich überwinden musst. Weil du mit der Erdanziehung spielst. Weil du deinen Sprung leicht und einfach aussehen lassen willst. Weil du den Moment der Schwerelosigkeit in der Luft, die Freiheit geniesst. Routine ist manchmal ein Weg dorthin.

 

 

Fürchtest du dich vor dem Moment des Eintauchens? Weil du weisst: Jetzt wird es gleich wehtun. Ein bisschen zumindest – oder sehr. Beim Eintauchen wird Dein Körper mit dem Vierfachen seines Gewichts verzögert…

Das ist der Moment der Wahrheit. Jeder Fehler, den du in den letzten zwei, drei Sekunden in der Luft gemacht hast, kommt ans Tageslicht. Aber gleichzeitig darfst du dich davor nicht fürchten. Du musst bloss sicherstellen, dass du vorher alles richtig gemacht hast. Wenn du dich entscheidest abzuspringen, ist kein Platz mehr für Zweifel oder Furcht.

 

 

Es gibt dann kein Zurück mehr?

Richtig. Du bereitest dich vor, dann triffst du die Entscheidung. Zu einhundert Prozent. Ich springe – oder ich springe nicht. Egal wozu du dich entschliesst: Die Entscheidung überhaupt getroffen zu haben ist schon der Erfolg. Das ist weitaus besser, als in einer Zwischenwelt zu bleiben, wo man sich einerseits nicht traut und andererseits mit sich selbst unzufrieden ist. Manche Menschen bleiben ihr Leben lang darin stecken und verpassen eine ganze Menge.

 

 

Du hast immer mutige Entscheidungen getroffen. Einfach so für drei Jahre nach China zu übersiedeln…

… das war eine meiner besten Entscheidungen überhaupt! Diese Erfahrung! Es war zwar oft wahnsinnig anstrengend, aber ich war drei Jahre lang Teil der weltgrössten Aqua-Show «The House of Dancing Water». Einfach toll!

 

Mit welchem Gefühl bist du damals aufgebrochen?

Vorfreude. Pures Glück.

 

Okay, anderes Beispiel: Ich finde es mutig, dass du dich zuerst für den «Playboy» ausgezogen hast und dann Lehrerin geworden bist.

Mich auszuziehen war kein grosses Ding. Tolles Angebot, sehr schmeichelhaft fürs Ego, denn im «Playboy» sind keine hässlichen Frauen. Ausserdem hat mir die Idee gefallen, ein paar Leute damit zu schocken, hehe. Aber die Wellen, die das dann geschlagen hat – damit hatte ich nicht gerechnet.

 

 

Inwiefern?

Es hat gedauert bis die Menschen wieder normal mit mir geredet haben. Zwar bist du prominent, aber unvoreingenommene Treffen mit neuen Menschen waren lange kaum möglich. Es war nicht auf Augenhöhe. Du steckst in einer Schublade.

 

 

Und in der Schule?

War es noch schwieriger. Die Bilder sind da draussen. Internet vergisst nicht, und jeder Schüler kann mich nackt googeln. Nach einem halben Jahr habe ich die Schule verlassen, ein Jahr Pause gemacht, mich wieder auf den Sport konzentriert und mir überlegt, wie ich künftig ein respektvolles, gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis herstellen könnte.

 

 

Und zwar wie?

Indem ich mich vor die nächste Klasse hingestellt und die Wahrheit erzählt habe. Mein Leben. Dass ich keine klassisch-lineare Biografie habe. Dass ich im Wasser-Zirkus aufgetreten bin, Klippenspringerin bin, dass es diese Fotos gibt und ob sie zu irgend etwas Fragen haben. Ab dem Moment war das Eis gebrochen.

 

 

Mut zur Ehrlichkeit?

Klar Schiff machen, ja. Ich bin stolz in die Schule zurückgegangen zu sein, nachdem ich schon aufgegeben hatte. Auch weil mich gewisse Menschen zur Authentizität inspiriert haben.

 

 

Was war das Mutigste, was du je gemacht hast? Für viele wäre das wahrscheinlich, von einer 22 Meter hohen Plattform ins Meer zu springen, aber ich schätze, du hast andere Massstäbe?

(Denkt nach nach.) Das ist jetzt sehr persönlich. Ich lag jahrelang im Clinch mit meinem Vater. Hier den ersten Schritt z tun, mich mit ihm zu versöhnen, mich zu entschuldigen, das hat sehr viel Mut erfordert. Ja, das war das Mutigste, was ich im Leben gemacht habe. Definitiv. Denn ich bin eine stolze Person.

 

 

Was hat den Ausschlag gegeben, den ersten Schritt zu machen?

Die Frage: Wie lebe ich richtig? Die begleitet mich immer. Da war irgendwann der Punkt, wo ich nach Jahren den Mut aufbringen musste, das Telefon in die Hand zu nehmen und ihn anzurufen. Das hat Zeit gebraucht puttygen ssh , wie vieles im Leben.

 

 

Wie die Vorbereitung auf einen neuen Sprung: Di weisst, wenn du dazu bereit bist, und dann ziehst du es durch?

Da gibt es ganz viele Parallelen. An einem neuen Sprung kaust du nächtelang, bis du weisst: Ich mach’s. Dann hast du auch keine Angst. Aber der Prozess braucht Zeit.

 

Ist es manchmal mutiger, nicht zu springen?

Es gibt immer wieder mal Athleten, die ihre Sprünge gegen ihre innere Überzeugung erzwingen. Das hat noch selten gut geendet. Ich war einmal auf einem Werbedreh in Thailand. Wir sollten ins Meer springen, das an dieser Stelle angeblich sieben Meter hätte tief sein sollen. Ich habe das nicht geglaubt und gebeten, nachzumessen. Die Armeetaucher haben eine Latte ins Meer gehalten, bis sie tatsächlich sieben Meter unter Wasser war – allerdings nur an einer einzigen Stelle irgendwo zwischen Steinbrocken. Der Rest waren eher so zwei Meter.

 

 

Ich nehme an, du bist nicht gesprungen.

Nein! Vor dem Sprung kannst du alles beeinflussen. Ab dem Moment, wo du den Boden verlässt, nicht mehr. Egal wie hoch der Druck ist, wie viele Kameras auf dir sind. Es kann zu windig sein, die Wellen zu hoch. Ich kann immer umkehren.

 

 

Ein Zitat von Erich Kästner: «Auch der stärkste Mann schaut einmal unters Bett.»

Haha, sehr gut! Viele Männer haben tatsächlich ein Ego-Problem. Sie geben nicht zu, dass sie von der Situation überfordert sind und ein Rückzug die klügere Variante wäre. Dass sie in ein paar Monaten wieder kommen sollten – besser vorbereitet.

 

 

Deine Tochter wird im September zwei Jahre alt. Ein Kind in die Welt zu setzen ist auch eine mutige Entscheidung.

Aber auch das war eine sehr, sehr gute! Selbst ohne sicheren Job, eigenes Haus und langjährigen Partner. Kris und ich wussten früh, dass wir ein Kind wollen. Natürlich wirst du aus deinem alten Leben gerissen, vor allem, wenn es so sprunghaft und spontan war wie bei uns vorher. Heute hier, morgen da: Das geht nicht mehr so leicht. Aber es ist ein riesen Geschenk.

 

 

In ein paar Jahren wird sie wahrscheinlich am Zehnmeterturm stehen.

Ja, das könnte passieren. Zwangsläufig kriegt sie mit, was wir machen, und sie hat auch schon Feuer gefangen.

 

 

Der Satz war in die Richtung gemeint, dass man oft mehr Angst hat um andere als um sich selbst. Dass man dem Kind die Chance geben soll, Erfahrungen zu sammeln, sich die Nase anzuschlagen – ohne es immer retten zu wollen. Wie entlässt man Kinder mutig in die Welt?

Ich habe meine Eltern als Vorbild. Meine Erziehung geschah mit viel Vertrauen. Den Satz «Wir haben es dir ja gesagt!» habe ich selten gehört. Ich wurde nicht zur Angst erzogen. Bei uns hiess es: «Das kannst du.» Oder: «Du musst es wissen.» Gerade mein Vater hat jeden Quatsch mitgemacht und ist mit uns von Bäumen gesprungen.

 

 

Wie setzt ihr das heute als Eltern um?

Wir versuchen da zu sein und sie aufzufangen. Aber sie soll merken, dass sie fällt. Dass ihr Tun Folgen hat.

 

 

Klingt mir eine Spur zu cool.

Nein! Ich habe wahnsinnig Angst um mein Kind. Wenn es als Baby in der Nacht länger nicht geschrien hat, habe ich nachgehorcht, ob es noch atmet. Oder ob die Erkältung nicht doch etwas Schlimmeres ist. Typisch Mutter-Ding!

 

 

Von übervorsichtigen Eltern am Spielplatz bis zu Autos mit zwölf Airbags: Fürchten wir uns vor zu vielen Dingen, die in aller Regel ohnehin nicht eintreten?

Was ich schade finde: Kinder sind über ihr Handy für die Eltern permanent erreichbar. Dabei war doch gerade diese unsichtbare halbe Stunde am Weg von der Schule nach Hause jene Zeit, wo du am meisten Selbstvertrauen mitbekommen hast, weil du gemerkt hast: Ich kann das selber. Ich bin in meinen Entscheidungen zum ersten Mal frei. Ich kann gehen, wohin ich will. Die Welt ist kein Ort, vor dem man mich beschützen muss.

 

 

Okay, keine Angst zu haben ist eher der Normalzustand in unserer Welt, würde ich sagen. Aber Mut ist dann doch eine ganz andere Nummer.

Mut entsteht daraus, dass man nicht von den Meinungen anderer abhängig ist, sondern sein Leben lebt. Statt zu denken: «das kann ich nicht machen!», zu sagen: «Doch, das mache ich!» – das ist Mut.

 

cliffdiving.redbull.com

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